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Burnon statt Burnout – Stress beherrschen: Interview mit Dr. Dagmar Siebecke

Auch wenn das Wort Burnout nicht mehr in allermunde ist, wie noch vor ein paar Jahren, chronische Überlastungsstörungen, die sich auf verschiedene Art und Weise äußern, sind nach wie vor präsent. Expertin Dr. Dagmar Siebecke erklärt die Hintergründe, den richtigen Umgang damit und Möglichkeiten zur Prävention.

Zur Person

Dagmar Siebecke hat von 2008-2010 an der TU Dortmund im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes „pragdis – Präventiver Arbeits- und Gesundheitsschutz in diskontinuierlichen Erwerbsbiografien“ Strategien zum präventiven Gesundheitsschutz entwickelt. Innerhalb dieses Projektes wurde das Konzept des Burnon-Zentrums entwickelt, welches sie heute leitet.

Interview mit Dagmar Siebecke zum Thema Burnout

Zeitspartsrategie.de: Frau Siebecke, alle Welt redet von Burnout, aber was verbirgt sich hinter diesem Wort eigentlich?

Dr. Siebecke: Da gibt es eine ganze Menge Definitionen, die alle nicht besonders sauber und trennscharf sind. Eine der gängigsten ist die von Schaufeli und Enzmann, wonach Burnout ein dauerhafter negativer arbeitsbezogener Seelenzustand normaler Individuen ist. Dabei ist der Faktor „dauerhaft“ sehr wichtig. Wir reden hier nicht über eine Woche, sondern eher über Monate, oft auch über Jahre.

Arbeitsbezogen heißt in diesem Zusammenhang nicht bloß Erwerbsarbeit, sondern überall da, wo Leistung erbracht wird. Dies kann auch Menschen im privaten Bereich betreffen, z.B. eine Hausfrau. Ob man für seine Leistung Geld bekommt oder nicht, ist letztlich irrelevant.

Normale Individuen, das sollte vielleicht noch ergänzt werden, heißt: Es kann jeden treffen. Und wenn jemand Burnout „hat“, ist die Person selbstverständlich immer noch normal.

Typisch sind drei Symptombereiche: (1) Erschöpfung und Regenerationsunfähigkeit, (2) negative zynische Gefühle der Aufgabe (ggf. Arbeit) und den damit verbundenen Menschen gegenüber und (3) eine eingeschränkte Motivation und Effektivität.

Die genannten Symptome kennt wahrscheinlich fast jeder in einem gewissen Umfang. Nun ist deshalb natürlich nicht jeder krank, auch wenn diese mal länger anhalten, denn: Burnout ist keine Erkrankung. Es ist eine Zusatzdiagnose, die dazu führen kann, dass Menschen krank werden oder einen Arzt aufsuchen. Im Prinzip handelt es sich um eine chronische Überforderung, die dazu führen kann, dass ich psychische oder psychosomatische Probleme bekomme. Typische Beispiele sind Depressionen, Hörstürze, Magendarm- oder Hautprobleme.

Zeitspartsrategie.de: Ich kenne einige Burnout Fälle, bei denen ich nicht unbedingt erwartet hätte, dass es diese Menschen trifft. Es waren Leute die engagiert und zuverlässig waren und nach außen hin schienen sie immer alles im Griff zu haben. War das nur Zufall oder trifft so etwas häufig auf Betroffene zu?

Dr. Siebecke: Das ist kein Zufall, da ist System dahinter! Beim Burnout habe ich häufig ein Zusammenspiel persönlicher Bedingungen, nämlich einer sehr hohen Leistungsorientierung, ich nenne das manchmal „Ferrari“-Mentalität und hinderlichen äußeren Bedingungen. Diese Ferraris merken dann, dass sie nicht auf einer Autobahn unterwegs sind, wo sie mit 300 Sachen voranpreschen können, sondern allenfalls auf einem holprigen Feldweg.

Sie bekommen nicht die Ressourcen und Informationen, die sie zur Zielerreichung benötigen und auch nicht die nötige Anerkennung. Oft ist die erste Reaktion dann kein Rückzug, sondern das Gegenteil: Die betroffenen Investieren noch mehr, um mit Hochdruck die an sich selbst gestellten Erwartungen trotz aller Umstände zu erfüllen.

Zeitsparstrategie.de: Intuitiv möchte man Ratschläge geben wie: „Lass doch mal langsam gehen“; „Das war ein Warnsignal, hör auf deinen Körper“ oder „Dein Job ist nicht alles“. Hilft das oder macht man die Sache dadurch vielleicht sogar schlimmer?

Dr. Siebecke: Solche gutgemeinten Ratschläge passen oft einfach nicht zur Mentalität der Betroffenen. Außerdem sind sie viel zu einfach. Sie würdigen nicht das Problem und bagatellisieren es und kommunizieren in etwa: „Das ist doch ganz einfach, bist du zu blöd das zu sehen?“

Das kann dann dazu führen, dass sich Betroffene sozial noch weiter zurückziehen. Sozialer Rückzug ist ein typisches Phänomen bei Burnout. Bei den Symptomen habe ich bereits die zynischen Gefühle gegenüber Kollegen erwähnt, was zum ersten Schritt des Rückzuges führt. Die nächsten, welche von die Kontaktliste gestrichen werden sind dann die, die immer die guten Ratschläge geben und ständig nachbohren.

Der wichtigste Ansatz wäre Unterstützung bei einem Coach oder Therapeuten zu suchen. Diese würden aber niemals mit guten Ratschlägen arbeiten, sondern würden mit ihren Klienten zusammen Wege entwickeln und ihnen dabei helfen selbst zu erkennen, wo die Probleme und Ursachen ihres Zustandes liegen. Erkennen muss es aber jeder betroffene selbst.

Zeitsparstrategie.de: Was kann ich selbst zur Vorbeugung tun? Wie kann ich dafür sorgen, dass ich weiterhin „brenne“ statt auszubrennen?

Dr. Siebecke: Zur Prävention gibt es im Grunde drei Ansätze. Der erste Punkt wäre zu identifizieren und mir bewusst zu machen, was bei mir selbst Stress auslöst und Wege zu finden mit diesen Auslösern umzugehen.

Der zweite Ansatz wäre sich klar zu machen, wie man sich selbst Stress macht. Welche Anforderungen an mich selbst und welche Denkstile habe ich, mit denen ich mich selber unter Druck setze? Wo sind diese Denkstile dysfunktional, also Druck erhöhend und was wären Denkstile, die nützlicher sind? D.h. neben meinen „Ferrari“-Gedanken sollte ich Gedanken der Gelassenheit entwickeln. Diese könnte man auch „Erlauber“-Gedanken nennen – nicht nur „Ich muss“, sondern auch mal „Ich darf“.

Zuletzt sollte ich ausreichend für Regeneration sorgen. D.h. mir Zeit nehmen für die Dinge, die mir guttun, eventuell Entspannungsübungen durchführen. Ein weiterer ganz wichtiger Faktor zum Stressabbau ist z.B. Sport. Zusammenfassend könnte man sagen Kontraste schaffen zum Arbeitsleben.

Zeitsparstrategie.de: Die ersten beiden Punkte scheinen eher schwierig, wenn man auf sich allein gestellt ist. Ist hier, wenn der Druck steigt, die Unterstützung durch einen Coach angebracht?

Dr. Siebecke: Das würde die Sache sicher erleichtern. Insbesondere das Identifizieren der eigenen Antreiber ist alleine recht schwierig.

Zeitsparstrategie.de: Was können Unternehmen und Führungskräfte beitragen?

Dr. Siebecke: Führungskräfte können auf ein gesundheitsförderliches Führungsverhalten achten, dazu gehört z.B. mit gutem Beispiel vorangehen.

Im Rahmen des Projektes pragdis haben wir außerdem untersucht, wie Menschen, die Stress positiv sehen Ihre Arbeitsbedingungen beschreiben und dabei war die höchste Korrelation mit folgenden Faktoren zu beobachten:

  • Ich habe immer gut zu bewältigende Aufgaben.
  • Ich habe sinnvolle Aufgaben.
  • Ich habe Spielräume zum Handeln und Entscheiden.
  • Ich erfahre Wertschätzung.
  • Meine Arbeit ist nachvollziehbar strukturiert.

Man könnte also sagen, dass man diese Punkte als Kriterien für gute Führung sehen kann.

Zeitsparstrategie.de: Oft wird Wissensarbeit in Verbindung mit Burnout gebracht. Liegt der Grund für das vermehrte Auftreten von Burnout im Wandel zur Wissensgesellschaft?

Dr. Siebecke: In den ersten Forschungsarbeiten, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, ging es um Burnout bei Hausfrauen und im sozialen Bereich, wie z.B. bei Pflegepersonal, Therapeuten und Ärzten. Das würde ich jetzt nicht unbedingt als Wissensarbeit bezeichnen.

Wenn es bei der Frage um die soziologischen Hintergründe geht würde ich eher die Digitalisierung nennen, welche zu einer Zunahme der Veränderungsdynamik geführt hat. Außerdem hat es sicher auch mit der ständigen Erreichbarkeit in der heutigen Zeit zu tun. Ein weiterer Faktor ist die Globalisierung. Wenn sich ein Unternehmen in Deutschland entscheiden würde alles nur noch im Rhythmus seiner Mitarbeiter zu machen, wird dieses Unternehmen im internationalen Wettbewerb wahrscheinlich Probleme bekommen.

Außerdem hat sich die Arbeitswelt grundlegend geändert. Es gibt Soziologen die von einem „System permanenter Bewährung“ sprechen. Es ist nicht mehr so wie früher, dass ich eine Lehre mache, übernommen werde und nach 45 Jahren in dem gleichen Unternehmen in Rente gehe. Heute dauert dieses Probezeit-Phänomen fast bis zur Rente an und ich muss immer funktionieren, weil der Arbeitsplatz theoretisch immer gefährdet ist.

Zeitsparstrategie.de: Vielen Dank für Ihre Zeit!

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sehr interessanter Beitrag! Nachdem die burnout-Medienwelle vorübergerollt ist, wird dem Thema in Unternehmen viel zu wenig Augenmerk geschenkt.

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  4. Ein wichtiger Beitrag. Danke.
    Es wäre wünschenswert, wenn Ihre professionelle Unterstützung in Krankenhäuser Einzug erhält, da der Leistungsdruck in der Arbeit aufgrund der Personalkürzungen zur Gewinnmaximierung des Unternehmens (was für ein haarsträubender Unsinn das Gesundheitswesen in Produktionszusammenhänge zu stellen , in denen Therapien Ware sind …) die Mitarbeiter krank macht, was sich an dem hohen Krankenstand und der geringen Arbeitszufriedenheit in Bezug auf Arbeitsgestaltung in diesem Bereich leicht ablesen lässt.

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